:: Tsukahara Festival Sailauf ::

  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size
Home :: Bands :: Velvet Two Stripes

Velvet Two Stripes

E-mail

velvettwostripes

Gitarre, Bass, Drums, Vocals und Riffs – das Rezept ist alt wie der Mond, die Resultate klingen immer wieder frisch wie der erste Sonnenstrahl im Frühling. Jedenfalls in den rechten Händen. Velvet Two Stripes zum Beispiel. Derweil andere Bands das Gefühl haben, sie müssten ihrem Rock einen Hauch Computer einverleiben, um Zeitgeist zu markieren, haben Velvet Two Stripes die Gegenrichtung eingeschlagen. Sie haben das elektronische Doping ganz aus ihrer Musik verbannt und rocken nun umso härter, lauter und schöner. Zu hören auf ihrem neuen Album, „Devil Dance“. Es erscheint am 8. Februar 2019.

Sophie und Sara Diggelmann, Schwestern übrigens, lernten Franca Mock bei einem Bandworkshop im ostschweizerischen St. Gallen kennen. Damals seien sie um die zwölf Jahre alt gewesen. Seither sind rund eineinhalb Dekaden verstrichen. Während dieser Zeit haben die drei Frauen ohne Unterbruch gemeinsam musiziert, sind in jeder Hinsicht gemeinsam erwachsen geworden. In den Anfängen versuchten sie im Quintett den Indie- Sound von Jet anzupeilen. Wieder zum Trio geschmolzen wandten sie sich den mitternächtlich schimmernden Synthis von The Knife zu. Um der Sache gerecht zu werden, stellte Franca damals gar ihren geliebten Bass in die Ecke, um stattdessen Knöpfe, Tasten und Regler zu bedienen. Aber die elektronische Klänge wollten doch nicht so ganz zu Saras Vorliebe für heftige Bluesriffs passen. Und Sophie, sie hätte sich eigentlich auch ganz gern etwas mehr verausgaben können beim Singen. So kehrte Franca zum Bass zurück, vom Synthi blieben noch die Beats übrig. Mit dem dreckigen Garage-Rock irgendwo zwischen the Cramps, The Kills und den Runaways, der aus der neuen Konstellation resultierte, hatten Velvet Two Stripes endlich so richtig ihre Stimme gefunden.

Die Kunde von den drei jungen Frauen, die rockten wie ein Vulkan, drang bald aus dem inneren Zirkel des Proberaumes hinaus. Noch ehe man darauf wirklich aus war, kamen die ersten Konzerte, gefolgt von Vertragsangeboten diverser Plattenfirmen. Das Berliner Label Snowhite bekam den Zuschlag, das Debut-Album folgte wenig später im Jahr 2014. Nun war der Name Velvet Two Stripes plötzlich omnipräsent. Für die Feuilletons war die Band ein gefundenes wenn auch klischiertes Fressen: Frauen die rockten! Einem ähnlichen Klischee entsprach die Tatsache, dass die Band vorab hinter den Kulissen allerhand herablassender Männerbehandlung ausgesetzt war. Sie nahm es wohl nicht ganz gelassen, so doch mit ironischer Distanz und revanchierte sich mit Musik. Ein Highlight war der fulminante Auftritt vor 600 begeisterten Briten am The Great Escape-Festival in Brighton.

Auf den Sturm folgte die selbstauferlegte Ruhe. Man war vom ständigen Reisen erschöpft, musste die Baterien neu aufladen. Das konnte man am besten, in dem man sich im Proberaum in stundenlangen Jam-Sessions verlor. Weitere frische Anstösse versprachen sich Sophie, Sara und Franca dadurch, dass sie sich für die Aufnahmen einer neuen EP erstmals mit einem Produzenten zusammentaten. Tim Tautorat entpuppte sich als Glücksfall: der Berliner, der schon mit Herbert Grönemeyer, the Kooks, Faber und AnnenMayKantereit gearbeitet hatte, wünschte sich ebenso wie Velvet Two Stripes eine neue Herausforderung. „Er zeigte uns, wie man mit einfachen Mitteln einen Refrain prägnanter machen kann“, berichtet Sophie Diggelmann. „Einfache Sachen, die uns nie in den Sinn gekommen wären. Wir hatten immer viel zu weit gedacht.“ Die Songs waren noch zu dritt zusammen mit dem Drum-Computer komponiert worden. Für die Aufnahmen stiess nun Carlo Caduff zur Band, ein Drummer aus veritablem Fleisch und Blut, der den Sound sogleich härter, aber auch komplexer und dynamischer machte.

Nun der zweite Albumwurf von Velvet Two Stripes. „Devil Dance“ enstand wiederum unter der Regie von Tim Tautorat im legendären Hansa-Studio in Berlin. Zehn Tage lang rockte man praktisch um die Uhr, wohnte in einer Wohnung im gleichen Gebäude, wo David Bowie einst „Heroes“ einspielte. Für die Aufnahmen der Instrumentaltracks sass die Band gesammelt im Studio und fetzte drauflos. Einige Parts wurden später mittels Overdubs hinzugefügt. Sophie Diggelmann steuerte die Texte bei: „Das Album dreht sich immer ungefähr um das gleiche Thema“, sagt sie: „Nämlich um die Sehnsucht nach mehr. Mehr Substanz. Mehr Hingabe. Mehr Erleben. Das Fernweh gehört ja irgendwie zum Kern der Schweizer Psyche. Überall wo man hinschaut steht einem ein Berg vor der Nase.“

Mit „Devil Dance“ haben Velvet Two Stripes einen Quantensprung vollbracht. Während der Sound nun ohne Zweifel rockiger und riffender daherkommt – „rockig und riffend“ etwa im Sinne von Rival Sons, einer Band, mit der Sara, Sophie und Franca auch schon eine Bühne geteilt haben -, sind die Lieder melodischer, die Arrangemente facettenreicher geworden. Der Glanzlichter gibt es viele. Nebst dem freudvollen Rock’n’Roll von „Gypsy“ oder „Somebody’s Fool“ zeigt das vertrackt synkopierte „Chicago Sun“ die Band von ihrer bittersüssen Seite. Auf das dunkel-schöne „Lizard Queen“ folgt der grandiose Riff von „Madeline“. Das zeppelineske „Sister Mercy“ überrascht mit einem fernöstlich angehauchten Solo, den Schlusspunkt setzt der sehnsuchttriefende Mitternachts-Blues- Groove von „12 o’clock Burn“. Das sind allerdings bloss erste Eindrücke. „Devil Dance“ gehört zu den raren Alben, die bei jedem Durchgang neue, feine Details offenbaren.

PS: Am Schlagzeug hat der nach Berlin gezogene Carlo Caduff inzwischen seinem Schüler Dave Flütsch Platz gemacht.